
Kekse bei Angst: Sinnvoll oder ein Denkfehler?
Es wirkt zunächst wunderbar plausibel:
Ein Hund zeigt Angst und wir Menschen präsentieren etwas Leckeres.
Wir denken häufig dann: „so etwas Gutes besiegt die Angst“.
Aber können wir das so einfach denken?
Vor allem begegnen uns zu dem Thema Kekse bei Angst, so viele Diskussionen.
Die einen rufen: „Bloß keine Kekse!
Sonst verstärkst du die Angst.“
Andere legen großzügige Futterspuren aus, damit sich der Hund näher an einen Angstauslöser herantraut.
Und der Hund sich dabei lang macht, wie ne Wurst.
Wieder andere bieten so beharrlich Futter an, dass man beinahe den Eindruck bekommt, der Hund müsse den Keks inhalieren: „Nimm doch das Gute, dann hast du keine Angst mehr.“
Ich habe das schon unzählige Male gesehen, wie Hunde fressbares fast aufgezwungen bekommen haben.
Was denn jetzt?
Aber sind Kekse und andere Leckereien bei der Bewältigung von Angst jetzt gut oder schlecht?
Sinnvoll oder schädlich?
Aus meiner Sicht greift diese Betrachtung der Aufteilung zu kurz.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Soll der Hund bei Angst Kekse bekommen?
Ist der Keks bei der Angstbewältigung sinnvoll oder schädlich.?
Sondern:
Welche Funktion erfüllt das Futter in diesem Moment?
Was hat der Hund tatsächlich davon, wenn er den angebotenen Keks, das Stück Käse oder die Wurst erhält?
Und was bedeutet es, wenn er das Angebot nicht an nimmt?
Wird ihm das Futter geradezu aufgedrängt, obwohl er sich bereits unwohl fühlt?
Dann entsteht neben dem unangenehmen Empfinden gegenüber dem Auslöser möglicherweise zusätzlicher Druck.
Wird es ihm verwehrt, weil er sich „nicht getraut hat“?
Also entweder muss Hund etwas tun, was er nicht leisten kann, oder er verliert das Leckere, welches ihm ja in Aussicht gestellt wurde.
Muss sich der Hund einer subjektiv bedrohlichen Situation nähern, obwohl sein eigentliches Bedürfnis mehr Distanz wäre?
Oder verbessert das Kauen, Schlecken oder Schnüffeln nach Keksen tatsächlich sein emotionales Befinden?
Wann Futter sinnvoll sein kann
Futter ist nicht grundsätzlich gut oder schlecht.
Es kann sehr sinnvoll sein, wenn es dem Hund hilft, sich zu orientieren.
Wenn Kauen, Schlecken oder Schnüffeln nach Fressbaren zu einer Verbesserung der emotionalen Lage beitragen.
Wenn Coping-Verhalten, also Bewältigungsstrategien, unterstützt werden.
Oder wenn Futter im Rahmen einer gut aufgebauten Gegenkonditionierung eingesetzt wird.
In solchen Situationen dient das Futter nicht dazu, Angst „wegzufüttern“, sondern unterstützt Lernen, Orientierung oder emotionale Bewältigung.
Die berechtigte Kritik
Problematisch wird es für mich dort, wo der Keks oder anderes leckere zum alleinigen Messinstrument wird.
Nach dem Motto:
„Der Hund frisst noch, also kann er keine Angst haben.“
Diese Schlussfolgerung kann gefährlich werden.
Ein Hund kann durchaus fressen und gleichzeitig erheblich belastet sein.
Ebenso kritisch sehe ich Futtereinsatz in Situationen, in denen sich der Hund bereits in einem massiven emotionalen Ausnahmezustand befindet und andere Bedürfnisse deutlich wichtiger wären, etwa Distanz, Sicherheit oder die Möglichkeit, sich der Situation zu entziehen.
Und vor allem:
Wir sollten Hunde nicht mit Keksen in Situationen locken, in denen sie deutlich ein Bedürfnis nach Abstand, Sicherheit und Wohlbefinden kommunizieren.
Liebe und Pfoten gehen raus
Jil




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